Von Abhören bis Zielperson

Stichwortverzeichnis für Leserinnen und Leser von Agentenromanen

Das Verzeichnis erklärt die wichtigsten Begriffe, schildert die Hintergründe und die Mechanik der ewigen Geschichte von Vertrauen und Verrat, des Spiels Spion gegen Spion und von Chancen und Grenzen geheimdienstlicher Arbeit. 
Hier sollen der Leserschaft bereits ein paar Kostproben angeboten werden. In der gehobenen Gastronomie sind das die Grüsschen vom Küchenchef zur Verkürzung der Wartezeit.

 

Agent

Agenten sind verdeckt arbeitende Mitarbeiter eines Geheimdienstes. Das gemeinsame Merkmal ist ihr verdecktes Arbeiten auf Weisung einer geheimdienstlichen Organisation.

Nachrichtendienste bringen ihre Auslandagenten entweder bei eigens zu dem Zweck gebildeten Tarnorganisationen unter oder sie sorgen dafür, dass sie als Kulturattachés, Journalisten, Geologen, Kartographen, Industrievertreter, Sprachlehrer, Entwicklungshelfer, Mitglieder von NGOs oder Glaubengemeinschaften etc. ihrem geheimen Auftrag nachgehen können. Oftmals werden Mitarbeiter solcher Organisationen durch Anwerben zu Agenten. Der im Ausland angeworbene Agent wurde es deshalb, weil er richtig positioniert war oder seine Perspektive aus der Sicht des Geheimdienstes vielversprechend war.

Agenten unterliegen einer relativ strikten Befehlsstruktur. So hat das Agentendasein nichts mit Freiheit und pulsierendem Leben zu tun, sondern mit Pflichterfüllung in einem meist konservativ geprägten, kleinkarierten, misstrauischen Apparat, der jeden Spesencent abgerechnet haben will.

Die Zentralen der Geheimdienste sind Behörden wie die Steuerverwaltung und unterscheiden sich, wie ich immer wieder betone, lediglich dadurch, dass ihre Kantine nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

In meinen Agentenromanen sind der Agentenführer Sir Alec und seine Agenten freischaffende Unternehmensberater. Das Bild des Geheimagenten James Bond ist unrealistisch.

 

Briefkasten (toter)

Ein sogenannter toter Briefkasten ist ein Versteck in Form einer Öffnung oder eines Behältnisses, das als solches nur dem Absender und dem Empfänger bekannt ist. Der Geheimagent gibt im Feindgebiet über eine derartige Einrichtung seine Informationen weiter. Instruktionen von der Zentrale an die Agenten werden meistens verschlüsselt über Radio oder Handys gesendet und nur selten über tote Briefkästen.

Die Spionageabwehr hat es in einer freien und offenen Gesellschaft ohne konkreten Verdacht sehr schwer, geheimdienstliche Agententätigkeit zu enttarnen. Doch auch der beste Agent muss seine gesammelten Informationen - sollen sie dem Auftraggeber nutzen - abliefern. Das ist grundsätzlich eine Schwachstelle.

In Zeiten des Internets und SMS erscheint es einfach, alle möglichen Daten um den Erdball kreisen zu lassen. Aber die führenden Geheimdienste verfügen über mächtige personelle und elektronische Apparate, den Datenverkehr zu überwachen. Es kommt nicht darauf an, dass jede Meldung mitgelesen werden kann, sondern darauf, möglichst effektive Stichproben machen zu können. Suchmaschinen wie Echelon filtern den Cyberspace nach Schlüsselwörtern ab.

Damit ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine verdächtige Meldung abgefangen wird. Wird diese als geheimdienstliche Nachricht verifiziert, stehen Absender und Empfänger bereits fest. Obwohl beide in irgendwelchen Internetcafés sitzen können, hat man jetzt bereits die Örtlichkeiten und das entsprechende Muster. Auch in Großstädten ist es bei konkreten Anhaltspunkten für einen Geheimdienst möglich, sämtliche Internetcafés bzw. öffentliche Terminals zu überwachen. Das gleiche gilt für Postbriefkästen und Telefonzellen. Der gewöhnliche Kriminelle hat in der Regel keine richtige Vorstellung darüber, mit welchem Aufwand ein staatlicher Apparat arbeiten kann, während seine angewandten Mittel stets einer Kosten-Nutzen-Abwägung unterworfen sein müssen.

Geheimdienste können sich nie sicher sein, ob Absender oder Kurier oder Agentenführer, wenn nicht bereits abgeworben, so doch identifiziert sind. Daraus ergibt sich, dass der Absender den Empfänger (als Kurier) nur dann kennen muss, wenn es unbedingt notwendig ist. Hier ist der tote Briefkasten in Form eines Schließfaches, eines Bücherstandes, eines Hausbriefkastens der entsprechende Anlaufpunkt beider Seiten. Die entsprechende Stelle muss möglichst allgemein frequentiert werden, sollte jedoch im Augenblick des Zugriffs vor möglicher Observation geschützt sein.

Homepages und Chaträume können dann als Zeichengeber funktionieren. Auch kann eine Webcam die Piazza eines Ferienortes abtastet, auf dem plötzlich ein blauer Lieferwagen steht. Derartige Vereinbarungen sind nicht dechiffrierbar, müssen aber vereinbart werden.

Eine solche Konstellation ist z. B. in meinem Roman »Der Siegermacher« beschrieben.

 

Desinformation

Mit Desinformation bezeichnet man die Verbreitung falscher oder irreführender Informationen mit dem Zweck der Beeinflussung der öffentlichen Meinung oder bestimmter Gruppen. Von welcher Stelle die planmässige Irreführung ausgeht, ist grundsätzlich offen. In totalitären Systemen nur von der obersten zuständigen Ebene. Raffiniert sind Desinformationskampagnen, bei denen z.B. Massenmedien selbst in die Irre geführt werden und diese Falschinformationen in vermeintlich guter Absicht verbreiten. Bei einem Komplott wird von einer unteren Ebene sogar die oberste Führungsebene mit Desinformation versorgt.

Während der Lügner selbst behauptet, lässt die Desinformation behaupten.

Desinformation kommt besonders häufig in totalitären Systemen vor. In Ländern mit freier, pluralistischer Presse ist Desinformation um einiges erschwert, da sie enttarnt und durch Recherche widerlegt werden kann; sie findet jedoch auch hier regelmäßig von verschiedensten Seiten statt, muss aber um einiges subtiler betrieben werden, um langfristig Erfolg zu haben. So wendete etwa die amerikanische Regierung zur Rechtfertigung des Irakfeldzuges die Ermittlungsergebnisse der CIA derart selektiv ein, dass aus den nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen eine existentielle Bedrohung dargestellt wurde. Desinformation will die breite Öffentlichkeit dazu überreden, sich selbst zu überzeugen.

Wem nutzt die Desinformation?

Interesse an Desinformation haben alle, die daraus einen Nutzen ziehen können. Und das sind nicht nur Regierungen, Parteien, einzelne Politiker, Interessensverbände oder Privatpersonen. Je mehr Leute sich überzeugt zeigen, dass eine bestimmte Information wahr wäre, desto besser hat die »Meinungsbildung« funktioniert.

Ein nahezu perfektes Mittel dafür ist die Statistik. So ist es leicht, mit konkreten Prozentzahlen irgendetwas angeblich zu beweisen. Im gesellschaftlichen Diskurs operieren die jeweiligen Interessensgruppen mit sog. repräsentativen Umfragen. Für viel Geld werden bei Meinungsforschungsinstituten Umfragen in Auftrag gegeben und deren Ergebnisse den Laien präsentiert.

Auch ein Apfel kann fotografiert werden, ohne dass die faule Stelle auf der Rückseite zu sehen ist. Die Perspektiven vorne, rechts, links, Mitte zeigen auch die faule Stelle nicht obschon sie existiert.

Die Frage lautet deshalb nicht, ist das wirklich ein makelloser Apfel, sondern: Warum zeigt der Werber dieses Bild der Öffentlichkeit?

Geheimdienste betreiben Desinformation mit Doppelagenten oder enttarnten Agenten, denen man den Zugriff auf falsche Informationen ermöglicht oder gezielt zuspielt.

Desinformation funktioniert auf Grund der Tatsachen, dass die Überprüfung von Informationen in der Regel wesentlich teurer ist als die Information selbst, der Nutzen der Desinformation aber wesentlich größer ist, als die Kosten für den Aufbau der Scharade es sind.

 

Kurier

Der Kurier transportiert Informationen oder Dokumente vom Informationsgeber zum Empfänger. Da geheimdienstliche Nachrichtenbeschaffung aus einer Perspektive heraus stets illegal ist, ist der Transport der Nachricht oft die Schwachstelle, bei der die Abwehr beweissichernd eingreifen kann.

Wer z. B. als Leiter eines Forschungslabors die Ergebnisse der Arbeit durch Kopien sichert, ist eben noch kein Spion. Erst dann, wenn er diese Kopien oder Daten an Unbefugte weitergibt, wird die Sache ernst und strafbar. Weil aus bestimmten brisanten Materialien gefolgert werden kann, von wem sie kommen, muss der Kurier sorgfältig ausgewählt werden. Aus der Sicht der Geheimdienste darf aber der Kurier nicht aufgewertet werden und sollte möglichst von der Brisanz des Materials nichts wissen. So wählt man, wenn es irgendwie möglich, tote Kuriere aus.

Eisenbahnabteile waren z. B. zwischen der alten BRD und der DDR ein effizientes Mittel. Der Agent verbunkert das Material an einer zuvor vereinbarten Stelle im Waggon und verlässt den Zug weit vor der Grenze wieder. Auf der Ostseite wurde das Material geborgen.

Für einen einmaligen Kurierdienst ist dann auch jedes beliebige Transportmittel denkbar. Voraussetzung ist, dass der Absender das Material gefahrlos aufgeben kann und der Empfänger es ebenso gefahrlos in Empfang nehmen kann. Sind regelmäßige Informationen und Materialien zu transferieren, erhöhen sich die Risiken zunehmend. Denn ist der Kurier bzw. der Weg des Kuriers dem abwehrenden Dienst bekannt, so ist die Quelle bereits gefährdet und bald auch enttarnt.

Auf keinen Fall sollte der Kurier die Quelle kennen und ein Kurier, der bereits weiß, dass er für einen Geheimdienst tätig ist (was nicht sein muss), wird auf diese zusätzliche Information gerne verzichten. Denn im normalen Leben ist Wissen Macht, bei Geheimdiensten ist Wissen stets auch Potential, in Verdacht und damit in Gefahr zu geraten.

Natürlich bieten sich für den grenzüberschreitenden Transport Diplomaten an. Diesen Weg wählen z. B. die Agenten in meinen Romanen. Aber sie befinden sich im westlichen Ausland und müssen regelmäßig nur den sicheren Transport des Materials gewährleisten. Trifft sich meine Romanfigur Richard also mit dem Verbindungsmann des MI6 in irgendeiner britischen Botschaft, so ist dieser Kontakt per se keine Gefahr. Ein britischer Staatsbürger besucht seine Landesvertretung im Ausland. Träfe sich jedoch ein Forschungsleiter mit einem chinesischen Diplomaten, so machte er das vermutlich nicht oft und die Spionageabwehr würde sich mit ihm beschäftigen.

Achtung! Reisende sind potentielle Kuriere, wissende oder als solche missbrauchte. In vielen Ländern wird Reisenden die Verantwortung für ihr Gepäck auferlegt. Der Reisende hat strafrechtlich zu verantworten, was sich im Gepäck befindet. Nehmen Sie niemals aus Gefälligkeit ein Päckchen, einen Briefumschlag entgegen um das Objekt am Reiseziel weiterzuleiten.

 

Legende und Alibi

Geheimdienstagenten agieren auf Grundlage einer zuvor erarbeiteten Legende. Legenden in der Geheimdienstsprache basieren auf kaum widerlegbaren Behauptungen. Eine plausible Legende versieht den Agenten mit den notwendigen Alibis, damit er um ohne Verdacht zu erregen, seine geheimen Aktivitäten wahrzunehmen. Legende und darauf aufgebaute Alibi halten bei einer Verhaftung mindestens einem Routineverhör stand. Das Prinzip lautet: Die Unwahrheit darf nicht komplexer als die Wahrheit sein.

Im Roman »Der Siegermacher« wird auf S. 322 dargelegt, dass auch lügen gelernt sein will. Es folgt ein Beispiel:

Vorwurf: »Hast du dich wieder mit Rita getroffen?« Antwort: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen.«

Nun versucht man, mit frei erfundenen zusätzlichen Lügen diese Falschaussage zu bekräftigen. Es wird ein ganzes Lügengebäude errichtet: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen, ehrlich, du kannst mir glauben. Ich habe Rita schon vier Wochen nicht mehr gesprochen und war gestern Abend mit Egon im Kino.«

All das macht die Lüge nicht stabiler, sondern vergrößert die Möglichkeiten des Ermittlers, Gegenbeweise zu liefern. Im letzten Fall muss nicht nur das eigene, sondern auch noch das Lügenmärchen von Egon aufrechterhalten werden. Egon lügt jedoch nur aus Freundschaft, wenn überhaupt. Er wäre der erste, der sich in Widersprüche verwickeln würde, denn ihm fehlen meist alle weiteren Informationen, um flexibel reagieren zu können. Profis versuchen deshalb, derartige Lügen zu vermeiden und reduzieren die Falschaussage auf den zu verschleiernden Punkt. Eine Legende, auch ein einziges Alibi, muss weitestgehend stimmen und einfach überprüfbar sein. Gäbe man also die im Beispiel hinterfragte Begegnung mit Rita zu und bestritte nur das, was Spekulationen oder Schlussfolgerungen sein mögen, so kann ein Dritter die Sache nicht widerlegen. »Ja, ich bin zufällig Rita begegnet. Sie hat mich dazu gedrängt, mit ihr noch einen Kaffee zu trinken.«

Die Grundsätze heißen somit: Streite nie ab, was ein Dritter beobachtet haben könnte. Verneine lediglich die nicht beweisbaren Spekulationen oder Schlussfolgerungen und seien sie noch so einleuchtend. Bleibe dabei, auch wenn ein „Kronzeuge“ das Gegenteil behauptet.

Bei der geheimdienstlichen Arbeit muss folglich die Legende bereits stehen, bevor man eine Aktivität beginnt. Trifft sich der Agent mit seinem Führungsoffizier auf feindlichem Territorium, so muss unwiderlegbar feststehen, warum man an diesen Treffpunkt erschienen ist. Gibt es im selben Haus z. B. ein Fitnessstudio, muss der Agent dann in diesem auch erscheinen, will er behaupten, er hätte das Haus betreten, weil er das Fitnessstudio besuchte.

Konspiration hat eben viele Gesichter.

 

Observation

Unter Observation ist die Beobachtung eines Objekts, einer Person oder eines Gegenstands zwecks Informationsgewinnung zu verstehen.

Schon die Observation von Gebäuden ist nicht einfach. Die damit verbundenen Schwierigkeiten können sich bereits mit der Größe und Lage des Gebäudes und der Zeitdauer der Observation potenzieren. Wenn ein Gebäude zwei entgegengesetzte Zugänge hat, von denen z. B. der hintere zu einem Hofkomplex führt, muss das Observationsteam verdoppelt werden. In einer Großstadt hat schätzungsweise jedes zweite Gebäude einen Hinterausgang, der auf eine Parallel- oder Nebenstraße führt.

Die Frage ist auch, ob die Observation auf dem Gebiet des eigenen oder eines fremden Staates zu erfolgen hat. Im eigenen Land können sich Geheimdienstagenten eventuell mit den Insignien von Behörden (Kriminalpolizei, Vermessungsamt etc.) oder von Unternehmen (Fernmeldedienste, Wasserwerk etc.) tarnen. Im Ausland wäre ein derartiger Versuch ein zusätzliches Risiko.

Je länger sich eine Observation hinzieht, desto notwendiger ist die Anmietung von Räumen, in denen man Personal und Technik positionieren kann. Das Sitzen im parkenden Personwagen ist jedenfalls denkbar ungeeignet, weil es in jeder Stadt eine Vielzahl von Personen gibt, die innerhalb kürzester Zeit damit beginnen, die Beobachter im Auto zu beobachten. Zuerst sind es die Leute, die ihren Hund zwei, drei Mal am Tag spazieren führen. Dann die Nachbarn, die skeptisch aus dem Fenster schauen. Dann erregt man die Neugierde von Kindern. Irgendwann die von Streifenwagenbesatzungen usw.

Gerade in Villengegenden, in denen sich nicht nur die Anwohner kennen, sondern auch wissen, welche Farbe das Auto vom Milchmann hat, erfordern verdeckte Observationen, sollen sie lückenlos sein, Teams zwischen 50 und 100 Personen.

Die offene Observation wenden Geheimdienste an, stehen bestimmte Personen im Verdacht der Agententätigkeit. Man hofft, die Zielperson wird verunsichert und macht einen ihn enttarnenden Fehler - Aufbau einer Verbindung zum Auftraggeber, aufgeregtes Verhalten, Flucht etc.

Meine Agentenromane beschäftigen sich immer wieder einmal mit dem Problem der Observation, lesen Sie hier einen spezifischen Ausschnitt aus dem Roman »Der Siegermacher«.

Richard hielt ein Taxi an und gab dem Fahrer ein Zeichen, geradeaus zu fahren. Irgendwo an einer, wie es den Anschein hatte, überfüllten Bar stieg er aus, schaute sich demonstrativ nach beiden Seiten um und verschwand in dieser. Dort setzte er sich zu einem jungen Mann an den Tisch und fragte, ob er Englisch könne. »A little bit«, meinte der und das reichte, ihn mit Hilfe eines Stadtplans in ein intensives Gespräch zu verwickeln. Richard zahlte seinen und den Kaffee des Belästigten, steckte ihm noch eine Zwanzig-Euro-Note zu, beugte sich nach dem Verabschieden zu ihm herunter und sagte, verschwörerisch um sich blickend: »Sie sprechen ein ausgezeichnetes Englisch. Herzlichen Glückwunsch.«

Was sagt dazu das große Observationslehrbuch der Nachrichtendienstschule? Es sagt, dass sich das Observationsteam teilt, weil man ja wissen muss, mit wem sich die Zielperson getroffen hat. Aber das Lehrbuch erwähnt nicht, dass man stets personell unterbesetzt ist, weil der Finanzminister die Mittel knapp hält.

Als Richard die Bar verließ, schlenderte er bis zur nächsten U-Bahn. Warum auch sollte dem übrig gebliebenen Schatten dieses Kapitel erspart bleiben. Was hier das Lehrbuch empfahl, wurde bereits beschrieben. Nur hat man, verlässt die Zielperson die U-Bahn, jetzt auch kein Auto mehr. Das tat der Engländer dann auch und fuhr mit dem Taxi in die Pension zurück...

 

Schläfer

Geheimdienste bezeichnen (noch) nicht aktive, aber entsprechend positionierte Agenten als Schläfer.

Die Positionierung eines Agenten im Ausland kann strategischer Natur sein. Der Geheimdienst benötigt den Agenten nicht aktuell, sondern erst bei einer entsprechenden Konstellation. Immer erfolgt der Einsatz auf speziellen Befehl.

Denkbar sind viele Möglichkeiten:

·         Man kann eine geplante Operation erst durchführen, wenn andere Agenten entsprechend positioniert sind.

·         Der Agent ist an der Seite eines Politikers, von dem ein entscheidender Karriereschritt erwartet wird.

·         Der Agent soll erst bei einer bestimmten politischen/militärischen Konstellation tätig werden.

·         Der Agent selbst ist strategisch gut aufgestellt, muss aber erst noch die entsprechende Position erlangen (eigene Karriere).

Da Agenten bei der Übermittlung der gewonnenen Nachricht am meisten gefährdet sind, ist die Stellung des Schläfers die am wenigsten gefährdete. Der Schläfer stellt besondere Probleme für den Führungsoffizier dar, denn der nicht aktive Agent muss die virtuelle Nabelschnur spüren. Ist die Verbindungsnahme zu selten, schwindet das gegenseitige Vertrauen und der Schläfer springt ab oder er wird im Sinne eines überflüssigen, gar schädlichen, vorauseilenden Gehorsams zum sog. Selbstläufer. Findet ein Kontakt zu häufig statt, ist die Geheimhaltung gefährdet. Es gibt aber kaum ein höheres Geheimhaltungserfordernis als die Existenz von Schläfern. Im Feindgebiet sind sie völlig schutzlos und, was psychologisch ein ganz besonderes Erschwernis darstellt, die geheime Verbindung muss über eine lange Zeit, in vielen Fällen über Jahre aufrechterhalten werden.

Da Agenten ebenfalls nur Menschen sind, kann es auch passieren, dass ein Schläfer irgendwann zu der Erkenntnis kommt, man hätte ihn vergessen und selbst Kontakt aufnimmt. Darauf hat vielleicht die gegnerische Abwehr nur gewartet und je nach Land und politischer Konstellation schwebt der Schläfer in höchster Gefahr.

Für derartige Gefahren interessieren sich die Bürger eines Landes allerdings kaum. Bedrohlich empfinden sie jedoch die Tatsache, dass in ihrer Gesellschaft Leute leben, die quasi bei Anruf ihre Identität wechseln und zum Attentäter, zum Saboteur oder zum Terroristen werden können.

 

Selbstläufer

Als Selbstläufer bezeichnet man einen Agenten, der den vermeintlichen Willen seines Dienstes auf eigene Faust und ohne Befehl durchzusetzen versucht.

In der militärischen Kommandostruktur unterscheidet man zwischen Befehl und Auftrag. Während der Befehl meist keine Interpretationsspielräume zulässt, wird dem Befehlsempfänger beim Auftrag lediglich das Ziel genannt und die Art und Mittel der Durchführung ihm überlassen. Geheimdiensten bleibt außerhalb von engen Kommandounternehmungen oft nur das Mittel des Auftrages.

Für das inländische Militär, die Polizei oder Feuerwehr, aber auch einen inländischen Geheimdienst muss ein Auftrag im Rahmen der geltenden Gesetze ausgeführt werden. Für einen auf feindlichem Territorium operierenden Agenten sind derartige Regeln unter die Illegalität seiner Agententätigkeit zu subsumieren. Da auf Agententätigkeit für eine fremde Macht die meisten Staaten mit verhältnismäßig hohen Strafen reagieren, wird der Agent bei der Wahl seiner Mittel sich nicht an die Strafgesetze des Staates halten, in dem er operiert. Allerdings wird der kommandierende Dienst eine gewisse Verhältnismäßigkeit bei der Wahl der Mittel voraussetzen. Geschieht dies nicht auf Grund moralisch ethischer Überlegungen, geschieht es auf Grund taktisch/operativer Grundsätze. Wer als Agent über »Leichen« geht, ruft eine Vielzahl von Ermittlern und Spezialisten auf den Plan. Derartiges gilt es zu vermeiden. So wird er beispielsweise Verkehrsregeln genau befolgen, um nicht plötzlich in eine Polizeikontrolle zu geraten.

Als Selbstläufer bezeichnet man aber auch Operationsaufträge, deren Realisierung alle möglichen unkontrollierbare Kettenreaktionen nach sich ziehen. Glaubt also z. B. ein Geheimdienst, irgendwelchen Friedens- oder Umweltaktivisten mit den Mitteln der Sabotage (z. B. der Versenkung des Schiffs dieser Organisation) beizukommen, so unterliegt bereits die Operationsplanung einem verhängnisvollen Selbstläufer-Mechanismus. Da die Größe der Operation bereits eine latente Gefahr für Menschenleben birgt, wird der entsprechende Auftrag potentielle Kollateralschäden bereits negieren. Wie es 1985 in Neuseeland dann tatsächlich geschah, verunglücken derartige Operationen, weil die beauftragten Agenten aus ihrer Perspektive heraus überhaupt keine Chance zur Verhältnismäßigkeit haben.

Wie am Beispiel des Schläfers erklärt, ist es die Kunst der Geheimdienstführung, ihre Agenten so etwas wie eine virtuelle Nabelschnur spüren zu lassen. Jeder Agent muss sich bewusst sein, dass er lediglich ein Teil eines größeren Plans ist, den er auf keinen Fall überblicken kann, noch verantworten muss. Ob Eigenmächtigkeiten auf Grund von Patriotismus, Überheblichkeit, Rache oder anderen Erwägungen heraus entstehen, ist einerlei, stets birgt der Selbstlauf eine hohe Gefahr der Kontraproduktivität.

 

Wanzen

 Als Wanzen bezeichnet man elektronische Sender, welche in Räumen oder Telefonen installiert werden, um verdeckt Gespräche abhören zu können.

Der in der Regel batteriebetriebene Sender hat den Vorteil, dass er sehr mobil ist und kurzfristig ohne Aufwand installiert werden kann. Für das Aktivieren des Senders genügt das kurzfristige Betreten des Raumes. Der Besucher klebt den Sender unter die Schreibtischplatte, an die Rückseite von Möbeln, unter den Besuchersessel, in den Hohlraum eines Aktenordners usw. Tritt der Besuch zu zweit auf, kann die Zielperson eine derartige Manipulation nicht mehr beobachten.

Doch diese herkömmliche Wanze hat einige Schönheitsfehler: Ihre Batterie hält nur begrenzt und ihre Funksignale fallen im »Äther« auf, die Wanze ist zu orten. Trotzdem werden Detektive und andere semiprofessionelle Lauscher derartige Technik schneller einsetzen als ermittelnde Behörden.

Obwohl eine irgendwo vom unverdächtigen Besucher angeheftete Wanze durch Zufall sehr schnell entdeckt werden kann, eignen sich für kurzfristige Aktionen diese Geräte bestens.

Eine Wanze kann dann auch größer sein, als sich dies Laien vorstellen. Sie ist in einem Aktenkoffer, in einer Mappe etc. installiert und mit einem hochempfindlichen Mikrophon versehen.

In Büroräumen werden derart präparierte Koffer oder Mappen dann »vergessen«, und wie im wirklichen Leben sagt die Sekretärin einen Tag später am Telefon: »Oh, Ihre Tasche steht hier? Tatsächlich! Das ist uns überhaupt noch nicht aufgefallen.«

Sitzen die Zielpersonen im öffentlichen Raum an einer Bar, so sitzt der Agent unverdächtig drei, vier Barhocker weit entfernt und unterhält sich mit dem Rücken zur Zielperson.

Immer gilt, dass man sich gegen mächtige Gegner kaum schützen kann, möchte man unbedingt an der Bar, im Restaurant, im Café vertrauliche Gespräche führen. Ist dem Gegner das Treffen im Voraus bekannt, ist am Nachbartisch ein Mikrophon auf die Zielpersonen gerichtet. Dass nacheinander unterschiedlichste Personen Platz nehmen, bedeutet gar nichts. Das gerichtete Mikrophon lauscht weiter. Zielpersonen werden umgehend arglos, werden sie von Dritten nicht fixiert. Erst der Blickkontakt erregt in Menschen den Verdacht, dass der Fremde sie beobachten könnte. Dass jemand nicht schauen muss, um trotzdem zu beobachten bzw. zu lauschen, wird den Menschen nicht bewusst.

In meinem Roman »Faule Eier« geht es um den illegalen Transfer von Atomwaffentechnologie. Und selbstverständlich wird der gegnerische Geheimdienst, für den es um Leben und Tod geht, den Aufwand nicht scheuen. Es gibt also einen hohen Erwartungsnutzen und die Zielperson wird entsprechend professionell eingeschätzt. Hinz und Kunz werden derartige Angriffe nicht erleben, weil ermittelnde Behörden keine konspirativen Klimmzüge machen, sondern die Wohn- und Geschäftsräume durchsuchen, den Verdächtigen festnehmen und ihm allerlei schlimme Dinge unterstellen.